Freitag, 18.05.2012 12:09 Uhr

der Menschenfeind

Verfasser: Christine Stukenborg , 14.12.2008, 11:15 Uhr
Presse-Ressort von: Christine Stukenborg Bericht 12848x gelesen

Molière: Der Menschenfeind Premiere am 13.12.2008 um 20 Uhr Neues Schauspielhaus Bremen Der Menschenfeind, den Alice Buddenberg im Neuen Schauspielhaus in Szene gesetzt hat, ist eine gelungene Umsetzung des Menschenfeindes von Molière. Wie gewohnt finden alle Elemente stimmig zusammen: Regie, Bühne, Kostüme, Umsetzung des Textes, Musik, sowie die Schauspieler. Zynismus nicht nur im 17. Jahrhundert und in den 68igern…… In der damaligen Epoche wortreich umschrieben – im Jahre 2008 direkt und schmerzvoll. Zu Beginn zeigt sich hinter dem „gläsernen“ Vorhang, dass die Charaktere dem gleichen Alltagszwang unterliegen. Daniel Fries spielt den Menschenfeind Alceste ständig auf Konfrontation. Zu Alceste fällt einem gleich zu Anfang ein Spruch aus vergangener Werbung ein: Wer wird denn gleich in die Luft gehen. Alceste geht zwar nicht direkt in Luft sondern setzt sein Lebensleid mit körperlichem Schmerz in Szene. Er liebt und lebt sein „Ich bin gegen Alles“ immer nach Außen. Alceste frisst seinen Unmut selten in sich hinein, sondern muss ihn hinausschreien, ausstellen, alle anderen damit schockieren. Da der Kummer nicht im Inneren ausgefochten werden muss und sich in Worten und Schmerz äußerlich zeigen darf, kommt die Widersprüchlichkeit sehr deutlich zum Vorschein. Dem Schmerz zum Trotz schüttet Alceste seine Häme und seinen beißenden Spott über die Verlogenheit der Welt, der Liebe, der Schmeicheleien, der zur Schau gestellten Höfflichkeit aus. Ohne Unterlass kann er sich über die Unzulänglichkeit der Mitmenschen aufregen. Für Gesellschaften ist er wahrlich nicht der geeignete Gast. Wie es halt so ist im Leben man kann nicht mit seinen "Mit" Menschen aber auch nicht ohne sie. Dies gilt auch für Alceste aufreibende Beziehung zu Célimène gespielt von Franziska Schubert - so schicksalhaft und interessant und bietet ihm genug Stoff für seine tägliche Dosis Schmerz. Beide genießen es im Mittelpunkt zu stehen. Buhlen um die Aufmerksamkeit Ihrer Mitmenschen. Beide sind zum Schluss am Ende Ihrer Kräfte, schaffen aber nicht den Absprung ins "normale" Leben. Denn beide suchen und brauchen die Nähe anderer Menschen für ihre Selbstdefinition. Wo Alceste rhetorisch brillant spottet, lässt Célimène ihre Reize (aus Ihrer Sicht unabsichtlich) wirken. Sie spielt mit Männern wie Frauen und zieht so manche Neider an. Das einige dieses Spiel nicht auf die leichte Schulter nehmen, zeigt die Szene, in der Acaste und Clitandre (Johannes Flachmeyer) Célimène mit ihren Briefen, die sie an zwei Ihrer Liebhaber geschrieben hat, konfrontiert. Das ist nur eine der Szenen, die bei der Leichtigkeit des Abends den notwendigen bitteren Beigeschmack hinterlassen. Solange der Schein aufrechterhalten wird, ist jeder zufrieden, aber wenn der zuckersüße Guss der Schmeichel- und Heucheleien der nackten Realität weicht und einzelne Protagonisten sich entblößt sehen, fällt es jenen schwer die Contenance zu wahren. Am Ende zieht doch jeder die Konsequenz und sich zurück und Alceste verliert seinen Schmerz. Eine Harmonie die sehr trügerisch wirkt. Alice Buddenberg hat es geschafft Molière in die heutige Zeit zu holen. Wunderbar, die Darstellung der einzelnen Charaktere - wie die leicht entrückte Éliante (Varia Linnéa Sjöström) voller bescheidener Hoffnung, ihr angebeteter Aleceste schenke ihr seine Aufmerksamkeit. Dabei übersieht sie die eigentliche Liebe. Aber für einen kurzen Moment gibt ihr Alceste Hoffnung auf die Erfüllung ihrer vermeintlichen Liebe zu ihm. sowie die Szene, in der Eva Gosciejewicz als Arsinoé und Célimène sich – in heuchelnder Anteilnahme und unter dem Deckmantel der Besorgnis – in zarter, feinfühliger, spitzfindiger wie scharfsinniger Weise Gemeinheiten an den Kopf werfen. Die Bühne, ein schwarzer portalbreiter Bühnenkasten, taugt dabei ideal für Statusspiele. Der Zuschauer kann nicht anders und folgt dem Hin und Her. Alles ist schlicht, genial Einfachheit – und zwingend. Gut dosierter Reim sowie die Verflechtung der damaligen Sprachweise mit der heutigen. Der „Nerv“ der Zeit wird zwar getroffen aber nicht überstrapaziert. Eine exzellente Besetzung. Es macht einfach Spaß und ist Schauspiel auf hohem Niveau, gut gespielt und gut durchdacht. Christine Stukenborg Blickwinkel Kultur-Magazin 14.12.2008 www.kultur-magazin.eu

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